Hebammen Versicherung

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Inhalt dieses Artikels

    Das Thema Hebammen Versicherung ist äußerst sensibel: Die Haftpflichtversicherung für freiberufliche Geburtshelferinnen steht auf dem Prüfstand – die Prämien explodieren seit Jahren in rasantem Tempo. Der Berufsstand der Hebammen ist in seiner Existenz bedroht – fällt es den Hebammen Deutschlands doch immer schwerer die Prämien für die obligatorische Hebammen Versicherung zu zahlen. „Die positive Entwicklung, betroffenen Kindern heute mit viel besseren Heil- und Therapiemöglichkeiten helfen zu können, geht mit steigenden Kosten einher“, bilanziert Kathrin Janosch vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Nicht nur die Hebammen Versicherung steht zur Diskussion – das System für Hebammen insgesamt steht offenbar kurz vor dem Kollaps.

    1. Ausgangslage

    Die überwiegende Mehrheit der Hebammen in Deutschland arbeitet freiberuflich – das sind etwa 3.500. Dieser Personenkreis ist gesetzlich verpflichtet, seine Berufstätigkeit via Berufshaftpflichtversicherung – einer sogenannten Hebammen Versicherung– abzusichern. Wenn auch die Schadensfälle in der Geburtshilfe leicht rückläufig sind, so steigen demgegenüber die Kosten pro einzelnen Schadensfall gravierend an. Letzteres betrifft nicht nur Aufwendungen für die medizinische und pflegerische Versorgung, sondern auch die lebenslange Einkommenssicherung der Geschädigten. Hinzu kommen hohe Prozess- und Anwaltskosten. Keine Frage: Geschädigten wurden in den letzten Jahren wesentlich höhere Ersatzleistungen von den Gerichten zugesprochen. Darüber hinaus waren die Pflegekosten wie auch die Regresskosten der Krankenversicherer deutlich höher. Die Zahlen des GDV belegen einen um 80 Prozent gestiegenen Schadenaufwand der Versicherer bei schweren Geburtsschäden im Zeitraum von 2003 bis 2012.

    Der Anstieg dieser Kosten bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Prämien der Hebammen Versicherung: Allein 2010 stiegen die Versicherungsprämien um 55,6 Prozent – ohne angepasste Steigerung der Hebammenvergütung. Zahlten Hebammen 2004 noch 1.352 Euro für ihre Hebammen Versicherung pro Jahr, so sind es zehn Jahre später bereits 5.091 Euro jährlich. Diese Versicherungssummen sind von den Hebammen kaum aufzubringen – stehen sie doch in keinem Verhältnis zu ihren Einnahmen. Bei einer Hausgeburt verdient eine freie Hebamme noch am meisten – ca. 800 Euro. Im Geburtshaus sind es rund 600 Euro und in der Klinik um 300 Euro. Die Zahlen beziehen sich auf 2013.

    Keine Frage: Die massive Beitragsexplosion der Hebammen Versicherung bedroht die Existenz der freiberuflichen Geburtshelferinnen – besonders jener mit wenigen Geburten. Bei letzteren decken die bisher schon fließenden Gelder aus den Töpfen der Krankenkassen nicht die zu zahlenden Prämien für die Hebammen Versicherung.

    2. Hebammenleistungen

    Die Hebammenleistungen sind seit Ende 2012 im SGB V fixiert. Das war ein langer Weg – galt doch zuvor jahrzehntelang die Reichsversicherungsordnung (RVO) aus dem Jahr 1911 als maßgebliche Grundlage in Sachen Hebammenhilfe. Der neue Gesetzestext basiert nicht nur auf den alten RVO-Vorgaben, sondern auch auf den Richtlinien der Europäischen Union (EU). Der Status der Hebamme wurde ausdrücklich angehoben: Die Hebamme steht nun gleichwertig neben dem Arzt, wenn es um den Anspruch der Frau auf Schwangerenbetreuung geht. Damit noch nicht genug: Auch eine Verankerung der freien Wahl des Geburtsorts ist hinzugekommen. Damit stehen die Krankenkassen in der Pflicht, ein flächendeckendes Angebot bereitzustellen. Nicht geregelt ist bisher allerdings immer noch nicht die Prävention durch Hebammenhilfe.

    Im „Vertrag über die Versorgung mit Hebammenhilfe nach § 134a SGB V“ ist das Vertragsverhältnis zu den Kostenträgern hierzulande geregelt. Als Vertragspartner fungieren die zwei Hebammenverbände Deutschlands. Es sind dies zum einen der „Bund Deutscher Hebammen e. V.“ mit Sitz in Karlsruhe (jetzt: Deutscher Hebammenverband – DHV) und der „Bund freiberuflicher Hebammen Deutschlands e. V.“ in Frankfurt/Main, zum anderen die Spitzenverbände der Krankenkassen.
    Der Versicherungsmarkt droht indes zusammenzubrechen – nicht zuletzt seit die Nürnberger Versicherung im Februar 2014 mit Ihrer Ankündigung des Rückzugs aus der Hebammen Versicherung zum 1. Juli 2015 für neuen Sprengstoff sorgte. Ohne Hebammen Versicherung dürfen die Geburtshelferinnen nicht arbeiten.

    3. Hebammen versus Krankenkassen

    Die Regresse der Sozialversicherungsträger machen einen erheblichen Anteil am Schadenaufwand aus. Ob Mutter oder Kind – die Kranken- und Rentenkassen der Geschädigten stellen bei teuren Behandlungsfällen Regressansprüche: Sie suchen nach den Verursachern – den Hebammen -, denen sie die Kosten in Rechnung stellen können. Lässt sich ermitteln, dass der Geburtsschaden auf fehlerhaftem Verhalten der Hebamme basiert, fordern zum Beispiel Krankenversicherer die vollen Heilbehandlungskosten von der Hebammen Versicherung zurück. In den letzten Jahren ist eine Zunahme der Regresse zu beobachten – immer öfter regressieren Sozialversicherungsträger und treiben so den Schadenaufwand in die Höhe: Bei schweren Geburtsschäden & Co. beträgt die Quote mittlerweile rund 25 Prozent – gemessen am gesamten Schadenaufwand.

    Kommt es zu einem Prozess, so gilt die Beweislastumkehr. Das bedeutet: Die Beschuldigten – die Hebammen – müssen nachweisen, dass nicht sie es waren, die den Schaden verursacht haben. Diese Situation hat zur Folge, dass bereits in der Schwangerenvorsorge deutlich mehr Untersuchungen und medizinische Interventionen stattfinden. Auf diese Weise versuchen sich die Hebammen juristisch abzusichern. Ob dieses Procedere auch immer der sicherste Weg für Mutter und Kind ist – diese Frage sei an dieser Stelle dahingestellt.
    Die gesetzlichen Krankenversicherungen laufen indes Sturm. Wie prekär das Thema diskutiert wird, beweist die Stellungnahme von GKV-Sprecher Florian Lanz: „Es kann nicht Aufgabe der gesetzlichen Krankenkassen sein, das Geschäft der privaten Versicherungswirtschaft zu machen. Wenn Hebammen einen Fehler machen, müssen sie dafür gerade stehen, dafür haben sie eine Berufshaftpflicht. Es kann nicht sein, dass bei Hebammen eine große Ausnahme gemacht wird und die Beitragszahler, also Sie und ich, das hinterher zahlen müssen.“
    Der Deutsche Hebammenverband fordert vor allem die Einrichtung einer Haftungsobergrenze – finanziert durch einen öffentlichen Haftungsfonds.

    4. Hebammen versus Versicherer

    Fest steht: Geburtsschäden lassen sich schwer kalkulieren. Sie stellen für die Versicherer ein besonders hohes Risiko dar, welches in der Vergangenheit zu drastischen Verlusten führte. In der Folge sind dann die Beiträge für die Hebammen Versicherung enorm gestiegen. „Die Kosten für Geburtsschäden infolge von Behandlungsfehlern sind in den letzten Jahren massiv gestiegen“ – darauf wird in einer Erklärung des GDV hingewiesen. Zwischen 2006 und 2011 kam es in Deutschland zur Geltendmachung von ca. 100 Personenschäden gegen freiberufliche Hebammen & Co. Das hört sich zunächst nicht nach einer besonders großen Zahl an. Berücksichtigt man jedoch, dass es sich dabei um durchschnittlich 12 Personengroßschäden pro Jahr handelt – also jeweils um einen Schaden mit einem Volumen von mehr als 100.000 Euro jährlich -, dann wird die enorme Kostendimension deutlich.

    Ein weiteres Problem ist, dass sich immer mehr Versicherer aus der Hebammen Versicherung zurückziehen: Bereits zum 1. Juli 2015 wird das Dreierkonsortium aus R+V, der Bayerischen Versicherung und Nürnberger Versicherung Geschichte sein – die Nürnberger wird dann nämlich ausscheiden. Ihren Anteil in Höhe von 20 Prozent werden dann verschiedene Versicherungen mit entsprechenden Mikroanteilen übernehmen. Bis Ende 2016 ist die Hebammen Versicherung freiberuflicher Geburtshelferinnen auf jeden Fall erst einmal gesichert. Es ist aber nicht mehr als eine Zwischenlösung – das Grundproblem in punkto Hebammen Versicherung ist damit noch nicht gelöst. Danach könnte es also schlimm, noch schlimmer als bisher, in Sachen Hebammen Versicherung kommen – wenn dann kein Versicherer mehr bereit sein sollte, sich einem Konsortium anzuschließen. Das dürfte das Ende des Gruppentarifs bei der Hebammen Versicherung sein. Das macht eine Hebammen Versicherung auch nicht gerade preiswerter – ganz im Gegenteil: Die Beiträge einzelner Versicherer sind vergleichsweise teuer. Wie auch immer – die entscheidende Frage lautet also, ob in Zukunft überhaupt noch genügend Versicherer eine Hebammen Versicherung mit bezahlbaren Prämien anbieten. Doch selbst wenn eine (halbwegs) bezahlbare Einzelversicherung gefunden ist, dann droht spätestens dann neue Gefahr, wenn es zu einem Schadensfall bei der Hebammen Versicherung kommt. So konstatiert die Sprecherin des Deutschen Hebammenverbands, Nina Martin: „Einzelversicherer schließen Hebammen oft aus, sobald sie einen Schadensfall melden.“ Hinzu kommt, dass der Pool der Versicherten nicht gerade groß ist – es sind nur ca. 3.500 freiberufliche Hebammen. Kommt es zu einem Großschaden, dann sind die Kosten von wenigen Prämienzahlern zu tragen.

    4. Politik ist gefordert

    Keine Frage: Die Hebammen Versicherung ist eines der großen Reizthemen unserer Zeit – geht es doch hier nicht nur um eine einzelne Berufsgruppe, sondern vielmehr um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Nach Meinung von Hebammenverband, Krankenkassen und Versicherungswirtschaft ist die Politik zum Handeln aufgefordert. Es geht darum, „die Position von Geschädigten, Krankenkassen und Versicherern auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen“, wie Michael Krause von der Allianz richtig bemerkt. Es geht nicht nur um angemessene Vergütungssätze der Hebammen und eine Verstärkung der Prävention – es geht um mehr, um die Infragestellung eines ganzen Systems.

    Seitens der Bundesregierung steht vor allem ein Regressverzicht der Kranken- und Pflegeversicherung im Raum. Das kommt einem Verzicht von Regressforderungen der Krankenkassen an die Versicherer gleich. Dies dürfte als erfreuliches Signal in Richtung Hebammen zu werten sein – der Anstieg der Prämien für die Hebammen Versicherung würde so gedämpft, langfristig vielleicht sogar umgekehrt. Gemäß den Plänen des Gesundheitsministeriums sollen vor allem die Hebammen außerhalb der Ballungszentren davon profitieren. Ein sogenannter Sicherstellungszuschlag der Krankenkassen soll’s möglich machen. Dieser soll Hebammen zufließen, die vergleichsweise wenige Babys pro Jahr zur Welt bringen. So soll es auch diesen Geburtshelferinnen möglich sein, ihre stark steigenden Prämien für die Hebammen Versicherung bezahlen zu können.

    Das bedeutet am Ende, dass die Beitragszahler der Krankenkassen die Haftung für Fehler der Hebammen übernehmen würden. Damit würden sie zum Teil das Geschäft der Versicherungswirtschaft übernehmen. Ganz unproblematisch ist diese Lösung auch aus einem weiteren Grund nicht: Es würden Begehrlichkeiten geweckt – bei Ärzten & Co. Was also könnte der Ausweg sein – ist die Hebammen Versicherung also schon bald Vergangenheit? Wenn Risiken sich nicht mehr sinnvoll versichern lassen, Hebammen gleichzeitig aber unverzichtbarer Teil der Gesellschaft sind, dann muss am Ende die Hebammen Versicherung weichen und einer Steuerfinanzierung Platz machen.

    Wie auch immer – auch in Zukunft werden noch Babys außerhalb von Kliniken das Licht der Welt erblicken dürfen. Den Hebammen und allen anderen Beteiligten sei Dank.

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